Extrema Ratio´s
Shrapnel OG Geocamo
Das Shrapnel-OG von Extrema Ratio ist ein zäher, kleiner Bursche. Bei einer Gesamtlänge von nur 210mm und einer Klingenlänge von 110mm ist es nicht gerade ein Größenwunder.
Dafür ist die Größe allerdings platzsparend und in einigen Gegenden dieser Welt gilt die Klinge, mit unter 12cm Länge, nicht als geächtet. Die 200g Lebendgewicht, gepaart mit einer 6,3mm dicken Klinge, sind da schon ein schwereres Argument.
A propos Klinge, die Spear- oder Leafpoint Klinge mit Flachschliff ist aus N690 Stahl, auch „Austrian 440“ genannt. Den Namen hat er zum Einen durch seine Herkunft, die österreichische Fa. Bohler stellt weltweit als einziger den Stahl her und zum Anderen durch die Verwandtschaft zum 440C Stahl. Der N690 ist im Grunde genommen ein mit Kobalt und anderen Stoffen angereicherter 440C Stahl, der dadurch noch rostbeständiger und härter wird als der eigentliche 440C. Neben Extrema Ratio verwendet auch Spyderco für sein Volpe, das sie in Italien fertigen lassen, den N690 Stahl. Die Härte wird mit 58-61HRC angegeben.
An der Klinge befindet sich ein voller Erl (Full-Tang). Beziehungsweise ein Spitz-Erl, der am unteren Ende des 10cm langen Griffes, mit Fangriemenöse , ca. 8mm herausschaut. Dieser kann auch gut als Glasbrecher oder als „less-lethal-ratio“ Verwendung finden.
Der Griff besteht aus dem thermoplastischen Elastomer, Forprene. Forprene ist ein äußerst robuster Kunststoff, der sich etwas gummiartig anfühlt. Er ist mit und ohne Handschuhe und mit trockenen und nassen Händen griffig. Er wiedersteht Temperaturen von -50 bis + 125 Grad C., ist Witterungs-, Ozon- und UV-beständig, verfügt über sehr gute Isoliereigenschaften, ist von 10% Salzsäure weitgehend unbeeindruckt und ist zu 100% recyclebar. Nur ein über 160 Stunden langer Aufenthalt in Öl oder Kraftstoffen kann ihm etwas anhaben.
Im zur Klinge gewandten Drittel befindet sich eine Vertiefung. Hier findet der Zeigefinger guten Halt. Zum Griffende verjüngt sich der Griff leicht, um zum Abschluss etwas weiter zu werden. Dies unterstützt den kleinen Finger im festen Griff. Mit einem normalen Schlitzschraubendreher kann man die Griffschraube lösen und mit etwas Ellenbogenschmalz den Griff auch vom Erl ziehen. In diesem Zustand könnte man, zum Beispiel in einer Survival-Situation, einen Speer mit Shrapnel-Spitze bauen.
Oben auf dem Klingenrücken, noch auf Höhe des Griffstücks, befindet sich eine 2cm lange, wellige Daumenauflage. Ich habe bewusst die OG-Variante des Shrapnels gewählt, da bei dieser die obere Parrierstange fehlt. Persönlich empfinde ich das obere Parrierelement als einschränkend bei der Handhabung des Messers. Für leichte Schneidarbeiten ist es vielleicht ausreichend, wenn man den Daumen auf der Auflage platziert. Bei schweren Schneidarbeiten reicht mir der kleine Griff nicht mehr aus. Ich muss dann meinen Daumen direkt auf den Klingenrücken, vor dem Griff, abstützen. Und einen Säbelgriff kriege ich zwar hin, würde mir aber bei der Ausführung den Daumen mit Sicherheit an dem oberen Parrierstück prellen.
Ich bevorzuge hier für Schneidarbeiten den modifizierten Säbelgriff mit dem Daumen etwas auf dem Klingenrücken. Und das ist nur mit dem OG-Shrapnel möglich. Im Fechtgriff lässt sich das OG zwar gut halten, ist aber so eher zum Stechen als zum Schneiden geeignet. Der untere Handschutz erfüllt seine Aufgabe exzellent. Er verhindert, dass man beim Arbeiten mit der Hand auf die Klinge rutscht. Weiterhin befindet sich an dem unteren Parrierelement eine Fangriemenöse. Mit ihr und der Öse am Griffende könnte man zum Beispiel die Hand mittels einer Fangschnur am Griff des Shrapnel fixieren. Zum Vergleich der Klingenstärke habe ich ein CS-Rescue-Knife mit abgelichtet.
Für das Messer gibt es momentan 3 Scheiden. Die alte, flache Scheide im „Kydex-Stil“ ist zwar einigermaßen robust, aber in meinen Augen dennoch nur bedingt zweckmäßig. Das Messer lässt sich sehr schnell ziehen, der Griff aber nicht sicher greifen. Weiterhin wird der Forprene-Griff durch den ständigen Gebrauch stark abgenutzt. Die Scheide ist sehr breit und sie lässt sich mit normaler Kleidung weder bequem noch richtig verdeckt tragen. Früher wurde diese Scheide mit einem Tek-Lok ausgeliefert. Mein Model hat einen anscheinend Firmeneigenen Verschluss, der dem Tek-Lok ähnlich ist. Er lässt sich auf die Gürtelbreite einstellen und vertikal, horizontal und in jeweils 2 Positionen dazwischen tragen. Der Verschluss der Gürtelhalterung hält allerdings nicht besonders gut. Er öffnet sich, wenn an der Scheide kräftig genug im horizontalen Winkel gezogen wird. Das Holstern ist dafür relativ einfach.
Die neue Kunststoffscheide ist nicht mehr flach und breit wie das ältere Model sondern eckig und schmal. Die Scheide selbst trägt kaum mehr auf, als die Alte. Das gesamte Stück allerdings schon. Die Alte ist ca. 28mm tief. Die Neue schlägt hier mit 43mm zu Buche. Also wieder nichts mit verdeckter Trageweise. Dafür kann man die Scheide jetzt auf 4 verschiedene Tragehöhen einstellen und die Gürtelhalterung hat eine kleine Drahtbügelsicherung dazubekommen. Ein Abreißen der Halterung, wie beim Vorgänger, ist nunmehr nicht mehr möglich. Wesentlich robuster als ihr Vorgänger ist die neue Scheide ohne Zweifel. Die Rückhaltevorrichtung für das Messer ist etwas „sanfter“, so dass Beschädigungen des Griffes nicht zu erwarten sind. Die Scheidenöffnung wird auf der Innen- und Außenseite vom jeweils einem L-Förmigen Element geschützt. Das bedeutet, es wird verhindert, dass man auf der körpernahen Seite oder der Außenseite, an der Scheidenöffnung vorbeisticht und sich verletzt. Aber da die Scheidenöffnung nicht angetrichtert ist, bleibt man beim Zurückstecken des Messers gelegentlich an den horizontalen Flächen hängen
Die dritte im Bunde ist eine neoprengepolsterte Nylonscheide mit MOLLE-System zur Befestigung am PALS. Diese Scheide ist am unteren Ende offen, ein unbefestigter Plastiksteg verhindert das Heraustreten der Klinge an der Öffnung. Das MOLLE-System verfügt über 4 Schlaufen und ein langes, doppeltes Nylonband mit Kunststoffkern und Druckknopf. Es lässt sich durchschnittlich gut in das PALS einschlaufen und der Sitz ist sehr fest und stabil.
Das Shrapnel sitzt sehr locker in der Scheide und wird nur durch den elastischen Ring mit Zugschlaufe gehalten. Eine Up-Side-Down-Trageweise ist somit nicht möglich, ohne die Gefahr des Verlustes des Messers in Kauf zu nehmen. Auch hier kommt es beim Holstern gelegentlich zu Schwierigkeiten. Wenn man das OG schnell holstern möchte, muss man vorher schon einen Schluck Zielwasser trinken. Nicht, dass man die Holsteröffnung an sich nicht trifft. Aber wird die Klinge leicht angewinkelt und nicht direkt senkrecht eingeführt, ist das Hängenbleiben durch Einstechen in den Holsterkörper vorprogrammiert.
Meiner Meinung nach ist das Extrema Ratio Shrapnel genau das, was es sein soll. Ein „Back-up“-Messer. Hart im Nehmen, hart im Geben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist relativ schwer, dafür aber sehr massiv, stabil, widerstandsfähig und scharf. Einem „vollwertigen“ Messer steht es nur in der Größe nach, wobei die Größe ja nicht immer nur ein Nachteil sein muss. Und das „OG“ ist meiner Erfahrung nach das bessere Shrapnel. Es lässt sich vielseitiger einsetzen und damit wird das Anwendungsgebiet des Nutzers erweitert. Die Messerscheiden sind allerdings nichts Halbes und nichts Ganzes. Verdeckt tragen kann man sie nicht, und wenn doch, dann hat die Gürtelhalterung keine Sicherung. Will man es am PALS tragen, dann nur aufrecht. Wenn es allerdings an der „1st-Line“ getragen werden soll, wird die 2. Generation der Kunststoffscheiden, bis auf das schnelle Wegstecken vielleicht, keine Probleme bereiten.
Ich hoffe, dass Euch mein Review zum Extrema Ratio Shrapnel OG gefallen hat.
Cheers,
Gunner